Die heutigen Leitartikel zur Wiener Wahl zeichnen sich nicht unbedingt durch Neuigkeitswert aus. Die Presse beleuchtet allerdings (unabsichtlich) ein Detail, das mir schon lange Kopfzerbrechen bereitet: “Das… Duell zwischen Michael Häupl und Heinz-Christian Strache hatte Erfolg: es wurde tief und immer tiefer. Zuletzt wirkten sogar die Herausforderinnen sympathisch.” Übersetzen kann man das auch mit: Männer müssen sich schon sehr deppat spielen, damit Frauen daneben sympathisch wirken.
Weiter gehts dann mit der Zwischenüberschrift: “Hysterisch. ÖVP-Chefin Christine Marek und Grünen-Frontfrau Maria Vassilakou teilen sich nicht nur den kleinen Erfolg, in den TV-Debatten einfach bessere Figur als die Männer gemacht zu haben…” Interessant, dass im Text dann erst rauskommt, dass Häupl & Strache hysterisch gewesen wären (für die SchnellleserInnen könnte das allerdings untergehen – Hysterisch und der Name der Frauen reicht ja schon, um sich den Inhalt des Absatzes vorzustellen)
Wenn Frauen “in den Saft gehen”, werden sie schnell mal als hysterisch bezeichnet – Männer wie Strache gewinnen mit ihrem “Kampfgeist” Wahlen. Wenn Frauen sachlich bleiben, sind sie medial fad – wenn Männer sachlich bleiben, sind sie staatsmännisch.
Ich bin schon lange auf der Suche nach einem Beispiel für eine PolitikerIN, die in den Köpfen der Menschen positiv/sympathisch verankert ist oder war. Die einzige, die mir einfällt, ist Johanna Donahl – wobei auch die nicht ganz unumstritten war. Es gibt ja nicht wirklich viele Beispiele für mächtige Politikerinnen (Thatcher, Merkel, Clinton), die allesamt nicht unter das Kapitel “hysterisch” einzugliedern sind, deren Sympathiewerte man aber nun auch nicht euphorisch sehen kann. Schluss: Frauen gewinnen Wahlen bestenfalls mit Sachlichkeit (Fadesse).
Es ist mir schon bewusst, dass das Thema “Frauen in der Politik” nicht eben die Mehrheit der ÖsterreicherInnen betrifft – und dass die riesige Gehaltsschere zwischen Mann und Frau in Österreich das weitaus wichtigere Thema ist. Aber letztlich gehts bei Politik auch um Macht – die Macht, das gesellschaftliche Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Von dieser Macht sind Frauen in Österreich leider weiterhin meilenweit entfernt, vielleicht zum Teil auch, weil Frauen gleich hysterisch wirken, während Männer Kampfgeist zeigen – und weil Frauen fad und blass wirken, während Männer sich als Diplomaten oder Staatsmänner auszeichnen, wenn sie sachlich bleiben.
Sigmund Freud hat schon festgestellt, dass Hysterie keine rein weibliche Krankheit ist – nur diese Erkenntnis hat sich leider noch nicht in unser Unterbewusstsein geschlichen. Insofern ist die Presse-Definition: “Häupl/Strache waren so hysterisch, dass daneben sogar die Frauen sympathisch wirkten” zwar kein neuer Inhalt, aber immerhin wird darin ein altes Problem offen angesprochen. (Im übrigen weiß auch ich keine Lösung für das Problem, außer: steter Tropfen höhlt den Stein)
Dohnal, klar, und Freda Meissner-Blau, Hertha Firnberg, Golda Meir, Indira Gandhi, Heide Schmidt, Maria Theresia fällt mir noch auf die Schnelle ein. Allesamt beeindruckende Persönlichkeiten, aber ich würd’ sagen, es ist noch ausreichend Platz.